Der Speed der Gegenwart hat sein Gutes. Manchmal. Gelegentlich stößt er mir auf. Dann, wenn Sauereien schnell in Vergessenheit geraten. Ein kleiner Skandal hier, eine kleine Affäre dort und schwupps: vergessen. Weg aus Medien, Timlines, Bewusstsein. Und: Gerne wissen die politisch Verantwortlichen dies geschickt einzusetzen. Zum Beispiel die SPÖ Wien. Als sie vor zwei Jahren überfallsartig einen der wichtigeren Kulturbetriebe der Bundeshauptstadt – die Szene Wien – abgewürgt und dem herbergslosen Muff Sopper (sein Metal-Schuppen Planet Music wurde abgerissen) zugeschoben hat, kochte es in Wiener Musikkreisen. Die ganze Story im damaligen Falter.
Der rote Machtrausch wusste damit umzugehen: Bissi abwarten, bissi durchbeißen und schon – läuft die Kiste wie geplant. Vergessen. Ich vergesse das nicht.
Mir ging und geht es dabei allerdings nie um eine Konfrontationen der Kulturen. Ja, Wien braucht eine mittelgroße Metal-Rock-Und-Derlei-Halle wie das einstige Planet Music; und Sopper und seine (manchmal vielleicht etwas ruppige) Mannschaft haben das auch gut erfüllt. Und: Ja, Wien braucht auch einen Hort für Alternatives, Weltmusikalisches, Offenes und Schräges, wie es die einstige Szene Wien war. Deren Team rund um Gina Salis-Soglio wurde von den Stadtroten abgeschraubt und gnadenlos weggelöscht; jahrelang gut aufgebaute Arbeit von heute auf morgen ins kulturelle Vakuum getaucht.
Heute finden in der Szene Wien Iron-Maiden-Release-Parties, AustroPop- und Kabarett-Events sowie Blind-Petition-Konzerte statt. Die soll und muss es geben, keine Frage. Aber nicht auf Kosten anderer Kulturen. Diese Lücke hat die Wiener SPÖ zu verantworten. Nachwievor. Ich vergesse das nicht. Und ich gedenke – vielleicht etwas pathetisch – anlässlich ihres zweiten Todestages der Szene Wien. Jener Szene Wien, die es nicht mehr gibt.


Lieber Franz Joseph,
ich danke Dir sehr fürs „Nicht-Vergessen“ ! Es ist schwierig für mich, zu dieser Thematik etwas zu sagen resp. zu schreiben, ohne nicht in den an sich ja nicht unbegründeten Verdacht der persönlichen Animosität zu geraten. Aber abgesehen davon, dass die Szene Wien ein großartiger Arbeitsplatz war, ist mir mit dem Betreiberwechsel auch meine Lieblings-Konzertlocation abhanden gekommen. Einerseits schaffe ich es nach wie vor nicht – und hier kommt die Animosität vielleicht doch zu Tage – einen meiner Füße dorthin zu setzen, andererseits finde ich in dem jetzigen Programm so gut wie gar nichts, was ich mir dort anschauen wollen würde.
Ich gebe Dir uneingeschränkt recht, dass das Planet Music eine gute Einrichtung war, die eben eine bestimmte Musikrichtung und ihre Fans bedient hat. Und diese „Aufteilung“ zwischen Planet, WUK, Arena und Szene Wien hat ja auch sehr gut funktioniert: Jede Location hatte ihre Schwerpunkte, die sich auch manchmal mehr, manchmal weniger überschnitten haben. Mir wäre aber schon damals vorgekommen, dass die Szene Wien als Teil der Wiener Stadthalle einen gewissen Vorteil gegenüber den anderen Veranstaltungsstätten hat, ein Aspekt, der in diesem Zusammenhang vielleicht nicht so ganz wahrgenommen wurde: Die Arbeitsbedingungen waren nahezu perfekt. Auf die Programmgestaltung wurde von außen – sprich Geldgebern – kein Einfluss genommen, ein wirtschaftlicher Erfolg wurde nur insofern verlangt, als dass die Szene Wien einfach nicht zu viel Geld kosten durfte. Aber innerhalb dieses Spielraums hatten wir freie Hand! Natürlich mussten auch wir Konzerte durchführen oder Vermietungen reinnehmen, die nicht so wirklich auf der musikalischen Linie der Szene Wien lagen – einfach damit mehr Geld hereinkommt, mit dem man dann wieder eher unbekannte, aber spannende und innovative Bands buchen konnte. Aber im Großen und Ganzen war die Szene Wien durch ihre Zugehörigkeit zur Wiener Stadthalle relativ gut abgesichert.
Und genau so ein Haus wäre in Wien wieder wichtig! Eines, in dem die Programmgestaltung nicht vorwiegend darauf Rücksicht nehmen muss, dass entsprechende Karteneinnahmen und/oder Getränkeumsätze erzielt werden können, sondern die Musik und ihre ProtagonistInnen im Mittelpunkt stehen. Denn das ist in meinen Augen die Aufgabe eines durch öffentlichen Geldern finanzierten Kulturunternehmen – oder sollte es zumindestens sein. Umso wichtiger sind Kommentare wie Deiner sowie auch Dein Hinweis auf die veränderte Haltung der Grünen im Kulturausschuss, die vermutlich gewissermaßen auf die Macht des Faktischen zurückzuführen ist. Was die Sache aber auch nicht besser macht …
Danke nochmals und hoffentlich bis bald
Gina Salis-Soglio